Sindelfinger Zeitung vom 08.09.2007
Von unserem Mitarbeiter Thomas Morawitzky
Es wird eng im Ehninger Proberaum, wenn die Band Goldstaub vollzählig versammelt ist: Acht Musiker gehören dieser Gruppe an, acht Könner an Instrumenten und Mikrophon, die sich zusammengetan haben, zu einem ganz ungewöhnlichen Projekt, das dem Zufall und dem Witz ihres Schlagzeugers Axel Krause entsprang.
Die Stuttgarter Band, die in Ehingen probt, spielt die Lieder nach, die den Schauspieler Manfred Krug zu Beginn der 70er Jahre in der DDR berühmt machten. Daran erinnern sich heute nur noch wenige, dass Krug - später “Liebling, Kreuzberg”, noch später Werbe-Ikone für Rechtsschutz und Fernmeldeaktien - einst ein gefeierter Chansonnier war, der, mit einem Anflug von Jazz und Easy Listening Lieder einsang, die heute wirken, wie Botschaften aus einer anderen Zeit, einem anderen Land.
Krug hatte Niveau
Aber Manfred Krug hatte, auch wenn seine Texte “leicht schwülstig” waren, wie Tobias Elsässer bemerkt, ein gewisses Niveau. Tobias Elsässer ist der Sänger von Goldstaub und kann auch selbst schon auf eine Karriere zurückblicken, die nicht alle Untiefen umschiffte: Mitte der 90-er gehörte er der Stuttgarter Boygroup “Yell4U” an, die mit ihrer Version des Songs “Nothings gonna change my Love for you” einen kleinen Charts-Erfolg landete - eine Episode, der wenig erfreuliche Begegnungen mit dem Musikbusiness folgten, die Elsässer, auch Autor von mittlerweile zwei Jugendbüchern, in seinem Roman “Die Boygroup” verarbeitet hat.
Geblieben ist ihm eine Stimme, die wie geschaffen ist, für die Interpretation der Krug-Songs, die mit ihren Geschichten von Liebe, Ehe, Untreue, Liebeskummer, Frühling, Sommer und Heinrich Heine wirken, wie ein mittelständisches Bilderbuch der 70er Jahre. In dieser Musik kommen Nostalgie und Exotismus zusammen; das Bemühen der DDR-Arrangeure, internationalen Pop-Standarts gerecht zu werden, verleiht ihr zudem eine gewisse zeitlose Ernsthaftigkeit. Dass man diese Musik auch heute noch, locker, unverkrampft, mit ein wenig Swing und Krawatten in Retro-Farben, auf die Bühne bringen kann, haben Goldstaub erst in dieser Woche bewiesen, im Stuttgarter Kulturzentrum Merlin, in dem sie ihr erst drittes Live-Konzert gaben, bei dem sie vor einem vollen Haus spielten und großen Applaus ernteten.
Die Idee zum ungewöhnlichen Projekt freilich stammt von Axel Krause. Er ist eigentlich in Ehingen zu hause, hat aber längst schon in Stuttgart Wurzeln geschlagen und spielt dort bei erfolgreichen Bands wie “Luxuskörper” oder “Kehrwoche”. Eines Tages, beim Durchforsten eines Plattenladens, stieß er auf eine Scheibe, die ihn schließlich aufhorchen ließ: “German democratic rare Groups” war der Titel des Sammelwerks. “Das”, erinnert er sich, “hat mich neugierig gemacht. Solche Musik hatte ich noch nie gehört”.
Auf der Platte, die DDR-Künstler wie Uschi Brüning oder den Gerd-Michaelis-Chor präsentierte, fanden sich auch zwei Aufnahmen Manfred Krugs. Aus Krugs Liedern, oder aus Stücken, die Krug für befreundete Künstler schrieb, besteht heute fast das gesamte Repertoire von Goldstaub.
Axel Krause spielt Schlagzeug bei dieser Band, Tobias Elsässer singt, unterstützt von den beiden Sängerinnen Ines Amanovic und Irina Rank, die solistisch auch als “Las Lolitas” Chansons der 20er Jahre interpretieren, Sebastian Zimmermann spielt den Bass, Ralf Schuon das Keyboard, Christian Hying das Saxophon und Michael Munz die Gitarre. Axel Krause suchte ganz gezielt nach Musikern für sein Projekt, schaltete Inserate und knüpfte an alte Kontakte an - mit dem Keyboarder Ralf Schuon ist er beispielsweise noch bekannt seit jener Zeit, als beide bei den Musikvereinen ihrer Heimatgemeinden, Ehningen und Haiterbach, aktiv waren, die beide von dem Dirigenten Franz Watz geleitet wurden.
Retro liegt im Trend, allerorten werden musikalische Raritäten vergangener Jahrzehnte neu entdeckt und aufgewertet, nicht zuletzt Aufnahmen aus Deutschland, die seinerzeit belächelt wurden. Aber der Griff in die Plattenkisten der DDR ist doch eine besonders originelle Leistung. Die Ernsthaftigkeit, mit der Krug und Co. vor rund 35 Jahren Musik machten, findet ihre Entsprechung in der Ernsthaftigkeit, mit der Goldstaub diese Musik heute wieder auferstehen lassen.
Dankesbrief von Krug
Keinen Augenblick gibt die Band der Versuchung nach, ihre Show zu bloßem Klamauk verkommen zu lassen - ganz im Gegenteil: Dass sie Respekt vor Manfred Krugs Arbeit haben, das glaubt man Axel Krause und seinen Mitstreitern sofort. Damit haben sie sich auch das Lob des Urhebers dieser Lieder verdient: Manfred Krug, dem die Musiker von “Goldstaub” anlässlich einer Lesung im Stuttgarter Theaterhaus schließlich begegneten, war sichtlich angetan, von der Bearbeitung seines musikalischen Jugendwerkes durch eine junge Band. Er bedankte sich bei den Musikern mit einem handschriftlichen Brief.


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